Mein Papa lief seinen ersten Marathon 1997 in Köln. Genau 18 Jahre später steh ich beim Köln Marathon an der Startlinie und fiebere meinem dritten Marathon entgegen. Und weil er mich mit dem Laufen angesteckt hat, war es mir wichtig einmal in Köln zu laufen.

Erst kurz vor dem Startschuss traf ich mich mit Annika, die mir schon lange auf Instagram folgt und kurz davor war, ihren ersten Marathon zu laufen. Gemeinsam standen wir im Startblock, mein Papa, der aufgeregter war als ich, an der Absperrung. Um kurz nach neun fiel der Startschuss und über 6.000 Läufer machten sich auf den Weg durch die Straßen Kölns zum Ziel am Kölner Dom.

Die ersten Kilometer verflogen. Nach einer Stunde kamen wir am Rudolfsplatz vorbei, sprich die ersten zehn Kilometer waren hinter uns. Hier stand mein Papa zum ersten Mal um mich, beziehungsweise uns, anzufeuern. Wir lagen sehr gut in der Zeit, für meine Verhältnisse sogar zu schnell. Weiter ging es zur Universität Köln und entlang der Aachenerstraße zurück zum Rudolfsplatz. Hier harrte mein Papa eine weitere Stunde aus, bevor er uns zum zweiten Mal zujubeln konnte. Und hier wurde mir auch bewusst, dass ich ein paar Gänge zurückschalten sollte, wenn ich es ins Ziel schaffen wollte.

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An der Halbmarathonmarke ließ ich mich dann zurückfallen und Annika rauschte davon. Ab hier war ich auf mich allein gestellt. Ich hangelte mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation und rief in meinem Kopf die Positionen ab, an denen mein Papa auf mich wartete. Am Ebertplatz stand er plötzlich vor mir, obwohl wir dort nicht verabredet waren und wollte mich mit „Nur noch fünfzehn Kilometer“ aufmuntern. Es munterte mich definitiv nicht auf.

Mein Papa lief ein Jahr nach seinem Marathondebüt seinen zweiten Maraton in Köln. Meine Schwester, Mama und ich standen am Streckenrand un jubeltem ihm zu. In meiner Erinnerung ist die Amsterdamer Straße am präsentesten. Dort warteten wir damals auf ihn. Heute stand er am Streckenrand und feuerte mich an. Meine Gedanken heute und seine Gedanken vor 17 Jahren ähnelten sicherlich verdammt stark. Warum mache ich das?
Bei diesem Marathon war der Gedanke aufzugeben sehr stark. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich kämpfte! Ich wollte es mir auch zum dritten Mal beweisen, dass ich es kann und stark genug bin.

Immer wieder setzte ich einen Fuß vor den anderen, meine Schritte wurden zunehmend kürzer und meine Beine taten mit jedem Schritt mehr weh. Ich ging verhältnismäßig viel. Immer wieder schien die Sonne mir ins Gesicht und ich fing wieder an zu laufen. Du bist so weit gekommen, mach verdammt noch mal weiter, dachte ich mir immer und immer wieder.

Bei Kilometer 32 zählte ich, wie letztes Jahr in Berlin schon, rückwärts. Bei Kilometer 40,5 nervten mich die Zuschauer tatsächlich mit ihren Zurufen „Nur noch zwei Kilometer“, „Ihr seid super“ und „Bald habt ihr es geschafft“. Das weiß ich natürlich alles selber. Ich habe während der letzten 30 Kilometer genügend Zeit darüber nachzudenken, wie weit ich noch laufen muss.

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Kilometer 41 ist für mich die magische Zahl. Ab hier ist es nur noch ein guter Kilometer. Und was ist schon ein Kilometer? Alle Schmerzen waren plötzlich vergessen. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und biss meine Zähne zusammen. Nur noch 800 Meter. Gleich ist es geschafft. So viele Zuschauer. Es ist der Wahnsinn. Ich kann die Türme des Kölner Doms sehen.

200 Meter vor dem Ziel hörte ich von rechts meinen Namen. Auf einem Sockel stand mein offensichtlich stolzer Papa und warf mir Luftküsschen zu. Ich bog das letzte Mal um eine Kurve und sah das Zieltor. SCHEISSE, ich hab es fast geschafft! Mir schossen die Tränen in die Augen, lief über die Zeitmessungsmatten und ich hatte es geschafft!

Mein dritter Marathon, der schwerste und härteste bisher! Aber alles ist vergessen. Ich habe es geschafft! Und plötzlich fragte ich mich, ob ich mir das nochmal antun werde. Und ja! Ich werde es wieder tun!

Vielen Dank an Annika für die wundervollen ersten 21,1 Kilometer und die tollen Fotos und natürlich an meinen größten Fan, mein Papa!